Der Apoll vom Belvedere
Vatikanische Museen

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Leichthin schreitend erscheint der Gott. Aus der Tiefe tritt er hervor, das rechte Bein scheint die Körperlast zu tragen, das linke noch im Hintergrund zu ruhen, aber das Gewicht ist schwebend auf beide Beine verteilt. Weit steckt er den linken Arm ab, über den die auf der rechten Schulter geknüpfte Chlamys geworfen ist. Die linke Hand hielt den Bogen, da der am Brustband im Rücken hängende Köcher geöffnet ist. Zum Bogen hin ist das großartige Haupt mit dem reichfließenden, über der Stirn zu doppelter Schleife verschlungenen Haar gewendet. Die unnahbaren Augen blicken über den Bogen hinweg in die Ferne. Der kühne Vorstoß des Armes in den Raum, die freie Öffnung der linken Körperseite, wird durch die festlich gebildete Chlamys verstärkt, die als Folie für die strahlende Erscheinung des Körpers dient. Die rechte, nach unten geführte Hand war nicht leer sondern hielt einen mit Binden umwundenen Lorbeerzweig, von dem sich Reste am Baumstamm über der Schlange erhalten haben. Apollon ist nicht in einer bestimmten mythologischen Situation, nicht als der Pythontöter oder der Überwinder des Erdriesen Tityos erfaßt, sondern erscheint als der selig, selbstgenügsam in sich ruhende Gott, der mit der rächenden Gewalt seines Bogens und der sühnenden, heilenden und reinigenden Kraft seines Lorbeers angetan in göttlicher Vollkommenheit dahinschreitet

Für Winckelmann war die Statue "das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums". Die Statue ist die schönste Darstellung der Epiphanie des Apollon, die sich erhalten hat. Sie selbst aber kann das Original nicht sein, für das sie noch Winckelmann hielt. Das Original dieser hadrianischen Marmorkopie war vielmehr aus Bronze, wie dies der Stil und die Haarbehandlung deutlich machen, wobei die Chlamys, der Köcher und die Sandalen vergoldet gewesen sein werden. Der Körper hob sich in leuchtendem hellem Bronzeton vom dunkleren Golde ab. Der Meister des Originals war kein geringerer als Leochares, der bedeutendste attische Meister der Spätklassik neben Praxiteles.

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Vielleicht ist die Statue eine Kopie des Originals, das nach Pausanias 1, 3, 4 vor dem Tempel des Apollon Patroos auf der Agora von Athen stand und das als Gegenstück zur Statue des Apollon Alexikakos, des Übelabwehrers, die Kalamis nach der Pest von 430 vor Chr. verfertigte, über hundert Jahre später, noch in der Zeit Alexanders des Großen von Leochares geschaffen worden ist. Mit dem Apollon hat Leochares das Meisterwerk seines fein differenzierten und großzügigen Rhythmus geschaffen, der zugleich offen ist für den Raum und offen für die Erfassung des fruchtbaren Augenblicks. In seiner Sprache ist Leichtigkeit und Würde, fast weibliche Anmut und männlieh-straffe Energie aufs wunderbarste miteinander verbunden. Die an der römischen Kopie frühhadrianischer Zeit am Baumstamm angebrachte Schlange ist nicht etwa eine Anspielung auf den Pythondrachen, sondern wird eher auf den heilbringenden Charakter des Gottes hinweisen, der bei den Römern auch als Apollon Medicus verehrt wurde.

Die deutsche Klassik erlebte den Apoll in ganzer Gewalt. Wie ein Grieche von seinem Gott ergriffen, schreibt Goethe an Herder im Sommer 1771: "Mein ganzes Ich ist erschüttert, das können Sie dencken, Mann, und es fibriert noch viel zu sehr, als daß meine Feder stet zeichnen könnte. Apollo von Belvedere, warum zeigst du dich in deiner Nackheit, daß wir uns der unsrigen schämen müssen?"

Wolfgang Helbig,
Führer durch die öffentlichen Sammlungen
klassischer Altertümer in Rom

 

 

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