| Der Apoxyomenos des
Lysipp
Schlank strebt aus breitem Stand die Gestalt in die Höhe. Der rechte Arm ist weit in den Raum vorgestreckt, ohne in der locker geöffneten Hand etwas zu halten. Die auffallende Bewegung dient vielmehr der quer vor der Brust liegenden linken Hand, die mit einer Strigilis, dem Schabmesser, die Unterseite des rechten Armes vom Öl und Staub der Palestra reinigt. Der kleine, runde Kopf mit dem wirren Haar und den vom Kampf ermatteten Zügen blickt aus erschöpften Augen apathisch in die Ferne. Es ist das Bild eines Siegers. Aber wie ist er dargestellt: nicht im Moment, wie er sich den Siegeskranz aufsetzt, nicht im Kampf, in der Anspannung selbst, sondern im Zustand des Abgespanntseins, im Danach, das nur noch die überstandenen Mühen kennt. Durch das eindeutige Motiv ist der Apoxyomenos schon bald nach der Auffindung von Emil Braun, dem damaligen Sekretär des Archäologischen Instituts, nach den literarischen Quellen als Kopie nach Lysipp angesprochen worden; eine Erkenntnis, die die Grundlage für die Erforschung des lysippischen Werkes bot. Denn Lysipp selbst, dem großen Meister der Spätklassik und des Frühhellenismus, ist das Wort zugeschrieben worden: die alten Meister hätten die Menschen gebildet wie sie "sind", er bilde sie, wie sie "zu sein schienen". Und diese, nicht mehr auf das "reine Sein" der Gestalten, sondern auf die spezifische Wirkung abzielende Kunst des Lysipp erscheint im Apoxyomenos aufs höchste gesteigert. Das Original der Statue war aus Bronze. Um dies in den Blick zu bekommen, müssen wir die claudische Marmorkopie vom plumpen Baumstamm, den häßlichen Marmorstützen am rechten Unterarm und zwischen linker Hand und Brust, am rechten Oberschenkel sowie dem modernen Feigenblatt befreien. Lysipp war in hohem Maße Plastiker. Die Auseinandersetzung der Figur mit dem Raum ist sein Zentralthema. Vom Motiv ausgehend, führt er die sphärische Gliederung bis in die kleinsten Elemente der plastischen Gestaltung durch: jede Form ist Wölbung, ist Spannung von Materie und Raum. Das Original der Statue gehört dem Spätwerk des Lysipp an und kann um 320 vor Chr. für einen Sieger im Wettkampf geschaffen worden sein, dessen Name hinter dem des Motivs und des Meisters so zurücktrat, daß er vergessen wurde. Zu Anfang der Kaiserzeit befand sich das Original in Rom. Agrippa hatte die Statue vor seinen Thermen (beim Pantheon) aufgestellt. Tiberius ließ sie in seinen Palast bringen. Aber das Volk verlangte im Theater die Wiederaufstellung am alten Platz. So beliebt war die Statue des Lysipp, daß Tiberius dem Verlangen nach öffentlicher Aufstellung des Werkes stattgeben mußte. Wolfgang Helbig, |
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