| Der Dornauszieher Kapitolinische Museen
Ein aus der kindlichen Puttofülle der Körperformen bereits herausgewachsener Knabe, der auf einem Felsblock sitzt, hat das linke Bein quer über den rechten Oberschenkel gelegt, umfaßt mit der linken Hand den Rist des linken Fußes und ist vorgebeugt bemüht, mit den Fingern der rechten Hand einen Dorn aus der Sohle des linken Fußes zu ziehen. Dies wird aus der Haltung deutlich, obwohl weder der Dorn selbst, noch die verletzte Stelle angegeben ist. Zentrum der Komposition bildet das Zusammenspiel der beiden Hände um den verletzten Fuß. Dahin blickt der geneigte Kopf, ebenso führt die aufsteigende Senkrechte des rechten Unterschenkels daraufhin. Voll ausgenutzt ist vom Künstler der Gegensatz zwischen den straffen, aber rund und glatt modellierten Körperformen und der zerklüfteten Bildung des Felssitzes. In der strengen Vorderansicht wirkt die Figur wie in einen Flächenplan gelegt. Ihre räumliche Tiefenerstreckung mit raffinierter Führung der Konturen wird jedoch bereits bei geringer Veränderung des Standpunktes sichtbar: alle vertikalen und horizontalen Linien sind nicht wirklich senk- und waagerecht geführt, sondern weichen lebendig vom strengen geometrischen Aufbau ab. In diesem Mit- und Gegeneinander von geometrischem Gerüst und naturnahem Motiv liegt nicht zuletzt der Reiz des Werkes. Auffallend kostbar ist der Kopf gestaltet. In sanft gewellten Strähnen fallen die fein frisierten Haare vom Wirbel ausgehend nach beiden Seiten, sind seitlich eingerollt und enden im Nacken mit reich gedrehten Locken. Über der Stirnmitte sind die Strähnen doppelt verknotet, damit Stirn und Augen frei bleiben. Entsprechend der Neigung des Kopfes müßten die Haare senkrecht fallen, aber sie nehmen an der Bewegung des Hauptes nicht teil. Ein Kontrast wird zwischen dem großflächigen, streng und fast unbeteiligt wirkenden Gesicht und dem stärker der Natur verbundenen Körper spürbar. Hieraus wird die verschiedene Beurteilung der Statue verständlich die sie im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat. Die mythologischen Deutungen des harmlosen Knaben wie zum Beispiel auf Lokros, den Ahnherrn der ozolischen Lokrer, der sieh am Fuß verletzte, dadurch die Erfüllung eines Orakels erkennt und zum Städtegründer wird, waren jedoch hilflose Versuche, denen jegliche Evidenz fehlt. Ebenso erweist der Vergleich mit Statuen des Strengen Stiles, daß dem Dornauszieher ihr geschlossener Aufbau und ihre ideale Vorderfläche fehlt. Ein Original des Strengen Stiles kann nicht als einheitliches Werk hinter der Erfindung des Dornausziehers stehen. Was geschehen ist, haben vielmehr Buschor und Sieveking im Vergleich mit dem hellenistischen Dornauszieher Castellani in London erkannt. Bei diesem ist das der Natur abgelauschte Motiv bruchlos in seine künstlerische Gestalt übernommen worden. Sein freies und vollräumiges Ergreifen der Körperlichkeit erlaubt eine Datierung des hellenistischen Vorbildes in das spätere 3. Jh. vor Chr. Beim kapitolinischen Dornauszieher dagegen ist der strenge Kopftypus eines stehenden Knaben der Zeit, um 460 vor Chr. fast Zug für Zug kopiert und die räumlich freie und lässige Körperhaltung des hellenistischen Dornausziehers Castellani vereinfacht und rückstilisiert worden. Als ganzes Werk ist der kapitolinische Dornauszieher nicht aus "einem Guß", sondern eklektisch und klassizistisch. Diese Erkenntnis bedeutet jedoch keine Minderung des künstlerischen Gehaltes und der Qualität dieses Werkes. Da im Laufe des Hellenismus die Natürlichkeit der ursprünglichen Erfindung bereits grotesk karikiert werden konnte, blieb für den Meister des kapitolinischen Dornausziehers nur der Ausweg, in der Rückbesinnung auf die Formensprache des Strengen Stiles dem Thema neue Würde und dem Motiv eine neue Gestalt zu geben. Diese Stilisierung eines durch die Natur vorgegebenen Motives hat der Meister des kapitolinischen Dornausziehers in der Mitte des 1. Jhs. vor Chr. in so hohem Maße geleistet, daß der Dornauszieher selbst auf die Künstler der Frührenaissance wie ein Naturvorbild wirken konnte. Wolfgang Helbig, |
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