| Die kapitolinische
Wölfin
Die Lupa Capitolina gehört, ganz abgesehen von ihrer ehrwürdigen Rolle als Wahrzeichen Roms, zu den bedeutendsten Tierplastiken, die aus dem Altertum erhalten sind. Ein abgemagertes Raubtier mit prallen Zitzen, das den Kopf schräg herauswendet und in äußerster Spannung die Ohren stellt, als wittere es eine Gefahr. Das Maul ist halb geöffnet, nach Hundeart, man sieht das Gebiß mit den furchtbaren Eckzähnen. Ursprünglich hing darüber wohl die Zunge heraus, vielleicht von rotem Kupfer. Die Augen sind weit aufgerissen, die Pupillen waren mit einer weißen Masse gefüllt. Darüber bilden sich scharfe, kühn geschwungene Falten, die man fast mit den Brauen eines zornigen Menschen vergleichen möchte, wenn hier nicht jeder menschliche Maßstab fehl am Platz wäre, so sehr ist dieses Wesen nur Tier. Es stemmt die beiden Vorderbeine gegen den Boden, sie sind wie ein Bollwerk, das nicht weichen wird. Dagegen sind die Hinterbeine fast vorsichtig aufgesetzt, das linke etwas weiter nach hinten, wodurch sich die beiden Zitzenreihen leicht gegeneinander verschieben. Dadurch kommen in der Hauptansicht alle acht Zitzen zum Vorschein, was sicher von dem Künstler beabsichtigt war. Denn aus dem mütterlichen Zustand erklärt sich jeder Zug in dem Verhalten der Wölfin: ihre gespannte Wachsamkeit, die Zähigkeit des Beharrens, die Kampfbereitschaft, die aber nicht auf Angriff, sondern ganz auf Verteidigung gerichtet ist, auf Schutz für die Brut. Daß nährende Raubtiere von allen Bestien die wildesten und furchtbarsten sind, war in der Antike bekannt und wurde von den Dichtern, angefangen bei Homer, immer wieder beschrieben. Die Lupa Capitolina ist eine der großartigsten Aussagen der Bildkunst zu diesem Thema. "Man sehe sie wo man will, auch in der geringsten Nachbildung, so erregt sie immer ein hohes Vergnügen" (Goethe, Myrons Kuh, Schriften zur Kunst Bd. 49, 2, 11). Durch neuere Untersuchungen steht fest, daß die Lupa nicht mehr in die eigentlich archaische Epoche gehört und daß sie nicht in Griechenland, sondern in einer italischen, wahrscheinlich etruskischen Werkstatt geschaffen wurde, die selbstverständlich unter griechischem Einfluß stand. also tiefer, wahrscheinlich auf einer flachen Basis aufgestellt gewesen sein. Was war ihr ursprünglicher Sinn? Aus der antiken Literatur kennen wir zwei bronzene Wölfinnen in Rom. Die eine stand beim Lupercal, der altheiligen Wolfshöhle am Palatin, die andere auf dem Kapitol. Unter die Zitzen der Lupa vom Lupercal stelten die Aedilen Gnaeues und Quintus Ogulnius 295 vor Chr. die Bilder der Zwillinge Romulus und Remus (Livius 10, 23). Aus dem Wortlaut des Livius darf man vielleicht schließen, daß die Wölfin selbst schon früher vorhanden war. Die Zeit ihrer Errichtung wäre dann so wenig bekannt wie die der Wölfin mit den Zwillingen, die auf dem Kapitol stand. Diese wurde wie wir durch Cicero wissen, 65 vor Chr. vom Blitz getroffen (De div. 1, 20) und nicht wieder aufgestellt (in Catil. 3, 19). Da die Risse an den Hinterbeinen unserer Lupa auf den Einschlag eines Blitzes zu weisen scheinen, identifizierte man sie mit der bei Cicero erwähnten Wölfin. Man sah in ihr sogar den frühesten Beweis für die kanonische Fassung von der Sage von Romulus und Remus, die im übrigen in Literatur und Bildkunst erst seit dem 3. Jh. vor Chr. bezeugt ist. Jedoch die umstrittenen "Blitzröhren" wären, falls sie es wirklich sind, nur ein Indiz. Zum Aufbau eines Beweises müßten sich mehrere, in die gleiche Richtung weisende Indizien finden lassen. Damit steht es aber schlecht und es gibt gewichtige Gegengründe, vor allem den folgenden: Wenn ein Tier der Wildnis kleinen Menschenkindern seine Zitzen anbietet, so ist dies ein von vielen Sagen bekanntes Wundermotiv, das auf die große, schicksalhafte Bestimmung der so Ernährten vorausweist. In allen antiken Bildern der Lupa mit den Kindern - bei der Typengebundenheit der antiken Kunst ein starkes Indiz - ist das Wunderbare des Geschehens unmißverständlich zum Ausdruck gebracht. Sie mag ursprünglich als Wächterin auf einem Grab gestanden haben oder als Weihgeschenk in einem Heiligtum, etwa des Mars, des Apollo oder eines Unterweltsgottes, die alle in Italien mit dem Wolf verbunden Wolfgang Helbig, |
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