| Juno Ludovisi
Aus der Art, wie der untere Rand des Halses zugerichtet ist, ergibt sich, daß der Kopf zum Einsetzen in eine (wohl sitzende) Kolossalstatue bestimmt, also für eine Wirkung aus großer Höhe berechnet war. Bekannt unter dem Namen der Juno Ludovisi, gehört er zu den berühmtesten Denkmälern des Altertums. Herder, Winckelmann, Schiller, Wilhelm von Humboldt haben den tiefen Eindruck, den diese Schöpfung auf sie machte, in beredten Worten geäußert. Goethe schrieb am 6. Januar 1787 an Charlotte von Stein: "Seit gestern habe ich einen kolossalen Junokopf in dem Zimmer oder vielmehr nur den Vordertheil, die Maske davon. Es war dies meine erste Liebschaft in Rom... Keine Worte geben eine Ahndung davon, er ist wie ein Gesang Homers." Die archäologische Wissenschaft des 19. Jhs. stand so sehr unter dem Eindruck dieser Bewunderung, den er bei den größten Geistern der deutschen Klassik hervorgerufen hatte, daß sie lange Zeit nicht fragte, ob er wirklich Hera oder Juno darstelle, sondern nur danach, ob sein Vorbild ins 5. oder 4. Jh. vor Chr. gehöre. A. Conze bezweifelte 1867 die Deutung und hielt den Kopf auf Grund eines Vergleichs mit einem in Ravenna befindlichen Relief für ein Werk der frühen Kaiserzeit. A. Furtwängler und J. Six erkannten in der Wollbinde ein priesterliches Abzeichen, letzterer meinte, die im Jahre 38 verstorbene Schwester des Caligula, Drusilla, sei in ihm dargestellt da sie als Panthea unter die Götter versetzt worden war. 1941 hat A. Rumpf in einer eingehenden Untersuchung die wohl richtige Benennung auf die jüngere Antonia ausgesprochen. Außer dem Diadem, der geknüpften Wollbinde und der Frisur mit dem kurzen Schopf im Nacken sind charakteristische, individuelle Züge vor allem die (richtig ergänzte) überhängende Spitze der langen Nase und der vollippige, leicht geöffnete Mund mit der kleinen Falte an den Winkeln sowie der etwas kurzen und emporgezogenen Oberlippe, die dem Gesicht einen ernsten, ja fast finsteren Ausdruck verleiht. Von der jüngeren Antonia besitzen wir Münzen mit, ihrem Bildnis, die ihr Sohn Claudius nach ihrem im Jahr 39 erfolgten Tod 41/42 hat prägen lassen. Diese Münzbildnisse sowohl als auch ihre Figur auf dem Zug der Ara Pacis, deren Gesichtszüge unleugbare Ähnlichkeit mit denen unseres Kopfes haben, machen die Identifizierung mehr als wahrscheinlich. Dazu kommt die Wollbinde, der purpurrote tutulus, den die Priesterinnen des Kaiserkultes, als erste Livia und nach ihr andere Prinzessinnen des Kaiserhauses, trugen. Antonia, die nach dem Tod der Livia die am höchsten geachtete Erscheinung am kaiserlichen Hof war, ist in unserer Statue als Priesterin des Kultes des vergöttlichten Augustus (tutulus) und als Augusta (Diadem) dargestellt. Diesen Ehrentitel verlieh ihr zusammen mit den Vorrechten der Vestalinnen ihr Enkel Caligula. Die jüngere Antonia war die Tochter des Mare Anton und der Octavia, der Schwester des Augustus. Sie war mit dem älteren Drusus, dem Sohn der Livia und Bruder des Tiberius, vermählt worden, wodurch die claudische mit der iulischen Familie verbunden werden sollte. Drusus war 9 vor Chr. während eines Feldzuges in Germanien durch einen Sturz vom Pferd ums Leben gekommen. Antonia war eine große und edle Persönlichkeit, durch "ihre Tugend und Schönheit gleichberühmt" wie die Schriftsteller noch hundert Jahre später berichten. Die Statue wird wohl erst nach ihrem Tod unter der Regierung ihres Sohnes Claudius errichtet worden sein, als auch die Münzen ihr zu Ehren geprägt wurden, auf denen sie als "Sacerdos Divi Augusti" gefeiert wird. Als Vorbild für den Kopf wird am ehesten ein praxitelischer Aphroditetypus gedient haben, von dem sich hier eine Kopie befindet Wolfgang Helbig, |
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