| Kolossalstatue des
gelagerten Nil
Der mächtig gelagerte Nil zeigt das fließende Haupt- und Barthaar und den Ausdruck, den die griechische Kunst allen Wassergottheiten gab, zugleich aber einen Zug milden Wohlwollens, wie er dem Segen spendenden Flusse wohl ansteht. Mit dem linken Ellenbogen stützt er sich auf eine Sphinx, das Wahrzeichen Ägyptens. Der aus Lotosblumen, Schilfblättern und Weizenähren gewundene Kranz in seinem Haar deutet mit den Weizenähren, die er in der Rechten hält, und dem mit Blumen und Früchten gefüllten Horn in seiner Linken auf die Fruchtbarkeit hin, die er spendet. Aus dem Füllhorn ragt ein pyramidaler Gegenstand hervor, der wohl einen Opferkuchen wiedergibt. In der Weise, wie das Wasser neben dem spitzen Ende des Füllhorns unter dem Gewand hervorquillt, hat man einen Hinweis auf die Verborgenheit der Nilquellen erkennen wollen. Jedenfalls wird durch das Linienspiel an dieser Stelle ein Übergang zu den Reliefs an der Basis vermittelt. Die sechzehn, in verschiedenen Höhen verteilten Knaben stellen die Ellen dar, um die der Fluß steigt. Ihre Zahl bezeichnet die höchste Steigung, bei der die größte Menge Landes überschwemmt und somit fruchtbar gemacht wird. Zu Füßen des Nils sind drei Knaben und ein Krokodil gruppiert -
und neben dem linken Knie zwei um ein Ichneumon (schleichkatzenähnliches Raubtier, sogenannte Pharaonsratte), das kampflustig auf das Krokodil zukriecht. Vier Knaben, die an dem rechten Bein und rechten Arm des Gottes emporklimmen, ein fünfter, der auf der rechten Hüfte steht, und zwei, die bereits die größte Höhe erreicht haben, indem der eine auf der rechten Schulter des Nil sitzt, der andere im Füllhorn steht,
veranschaulichen das allmähliche Anschwellen des Flusses. Die Anordnung der Knaben im Verhältnis zur Hauptfigur ist fein abgewogen, und der Gegensatz zwischen den lebhaft bewegten Kinderfiguren und der gelagerten Majestät des Flußgottes wirksam zur Geltung gebracht. Die Reliefs an der Basis schildern das Leben, das im Fluß und an seinen Ufern stattfindet. Man sieht Kämpfe zwischen Nilpferden und Krokodilen, zwischen einem Krokodil und einem Ichneumon, Wasservögel, in denen man den Trochilos erkennen will, der nach dem Glauben der Alten das Krokodil von den Blutegeln in seinem Rachen befreie, Barken, die von zwerghaften Pygmäen gerudert und von Krokodilen oder Nilpferden bedroht werden, und schließlich auch weidende Rinder. Die Flora ist durch schilfartige Pflanzen und Lotosblumen angedeutet. Die Zusammenstellung von Nil und Tiber im Bereich des römischen Isis-Tempels weist auf die Herkunft des Isiskultes und die neue Heimat hin, die der Kult in Latium am Ende der Republik fand. Die Statue des Tiber steht nach Komposition und Gehalt beträchtlich hinter der des Nils zurück, was dadurch erklärbar ist, daß der Nil als Statuenkonzeption eine lange Tradition in der alexandrinischen Kunst besitzt. Die flavische oder domitianische Arbeit der Statue wird deshalb sich allgemein an alexandrinische Vorbilder des hohen Hellenismus gehalten haben, in der Ausführung aber doch typisch römisch sein. Wolfgang Helbig, |
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