| Gruppe des Laokoon von
den rhodischen Bildhauern Hagesandros,
Bei einem Altar werden ein kräftiger reifer Mann und zwei Knaben von zwei riesigen Schlangen tödlich umwunden. Schon krümmt sich der kleinere der Knaben in höchstem Schmerz, denn tief haben sich die Zähne der einen Schlange in seine Seite gebohrt. Vergebens bäumt sich der Mann auf und versucht die zweite Schlange von seiner Hüfte zu reißen, wo er den Biß bereits verspürt. Nur für den älteren der Knaben scheint noch Hoffnung zu entrinnen, aber auch er ist fest vom Schlangenleib umstrickt, und sein Blick sucht hilflos das Antlitz des furchtbar ringenden Vaters, dem auch der sterbende Blick des kleineren gilt. Aber die Gottheit des Altars, auf den der Mann rückwärts gesunken ist, fühlt kein Erbarmen. Der Mann trug nach den zwei Ansatzresten im Haar einen Lorbeerkranz und war demnach Priester des Apoll. Altar und Kranz versetzen uns in einen heiligen Bezirk, in dem sich göttliches, erbarmungsloses Strafgericht vollzieht. Soviel zeigt das Werk selbst. Der antike Betrachter konnte nicht zweifeln, in der Gruppe Laokoon und seine Söhne zu erkennen, wie auch die humanistisch gebildeten Kenner der Renaissance es sofort erkannten. Laokoon wird bestraft, weil er entgegen seines Gottes Geheiß geheiratet hatte, ja sogar am Altar Kinder gezeugt haben soll. Nach der einen Überlieferung finden er und ein Kind, nach einer anderen alle drei den Tod. Anders erzählt Vergil den Mythos: Laokoon als Priester des Poseidon habe die Trojaner vor dem hölzernen Pferd der Griechen gewarnt, nach ihm eine Lanze geworfen und so den Zorn Athenas herausgefordert, die von Tenedos aus dem Meer die beiden Schlangen sandte um den Mann und seine Kinder beim Opfer zu töten. Denn sie hatte den Untergang Trojas beschlossen. Des Lorbeerkranzes wegen kommt für die Gruppe kaum die Auffassung Vergils in Betracht. Ob sich die Künstler an die uns leider verlorene Tragödie des Sophokles gehalten haben, ist unbekannt, Aber wie dem auch sei: die antiken Betrachter wußten um den tragisch gesteigerten Mythos und empfanden weniger Mitleid mit den sterbenden Menschen als Schauder vor der unerfindlichen Macht des beleidigten Gottes, der nach Jahren scheinbaren Vergessens jäh und erbarmungslos sich rächt und den Schuldigen samt den unschuldigen Kindern in das Verhängnis reißt.
Kein anderes antikes Werk zeigt eine derart gewaltige Anatomie des Schmerzes und letzter Verzweiflung, aufgebaut aus dem mächtigen nackten Leib des Mannes, dem das Gewand entglitten, den zarten Körpern der Knaben und den furchtbaren vielfältigen Schlangenwindungen, die diese Leiber tödlich verketten. Wolfgang Helbig, |
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