| Sterbender Gallier
Attalos I. von Pergamon hatte im ersten Jahr seiner Regierung (241-197 vor Chr.) einen großen Sieg über die Gallier errungen, die im gleichen Jahrhundert Rom und das hellenistische Kleinasien bedrohten. Er nahm nach der Schlacht den Königstitel an und weihte vor dem Athenatempel auf der Burg ein Siegesdenkmal, für das offenbar das Temenos erweitert und die Tempelterrasse architektonisch eingefaßt wurde. Jedenfalls scheinen die Erneuerung des Athenabezirks und die Errichtung des Gallierdenkmals zur selben Planung zu gehören. Auf einem hohen runden Sockel, von dem die Fundamente und einige Blöcke erhalten sind, war eine Gruppe überlebensgroßer Bronzefiguren vereint. In der Mitte denkt man sich als einzige aufgerichtete Figur den berühmten Gallier Ludovisi, der sein Weib getötet hat und sich selbst das Schwert in die Brust stößt (im Thermenmuseum), rings seine verwundet und sterbend zu Boden gesunkenen Genossen, von denen etwa vier auf der Basis Platz hätten. Einer der Sterbenden muß der kapitolinische Gallier sein, der in der Größe zu der Gruppe im Thermenmuseum paßt und gleichfalls aus der Sammlung Ludovisi stammt. Die tödliche Wunde sitzt rechts unterhalb der Brust. Der rechte Arm vermag kaum noch den Körper zu stützen, der von seinen Kräften verlassen unter der Last des eigenen Gewichts zur Seite sinkt. Die linke Hand drückt auf das angezogene Knie, das rechte Bein ist ausgestreckt. So erwartet der Krieger, mit sich allein, den Blick am Boden, sein nahes Ende. Das rauhe, knochige Gesicht und der massige Körper kennzeichnen ihn als Barbaren, das borstige Haar insbesondere als Gallier. Wir wissen von Diodor (5, 28), daß die Gallier ihr Haar mit einer kalkhaltigen Salbe eingerieben und So gebürstet haben, daß es einer Pferdemähne oder dem wilden Schopf eines Satyrs glich, daß ferner die Vornehmen unter ihnen Kinn und Wangen rasierten, sich aber einen kurzen Schnurrbart stehen ließen, gerade wie wir es hier sehen. Auch der gedrehte Halsreif, die Torques, ist ein charakteristischer Schmuck der Gallier. Eine so prägnante Darstellung eines fremdartigen Stammes ist neu und offenbar eine besondere Leistung der noch jungen pergamenischen Kunst. Von den großen Barbarenkämpfen der Vergangenheit haben die Perserkriege noch einen mythisch-gleichnishaften Ausdruck gefunden. Die Schlachten Alexanders wurden zwar schon als historische Ereignisse festgehalten, bei denen die persischen Feinde in ihrer völkischen Tracht erscheinen. Doch waren sie nicht in dieser Weise bis in ihre physiognomische, beinahe individuelle Eigenart hinein getroffen und vor allem nicht als der ausschließliche Gegenstand der Darstellung in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Denn haben die älteren Denkmäler immer Sieger und Besiegte umfaßt, so lassen sich die pergamenischen Gallier weder motivisch noch in der Aufstellung auf dem runden Postament zu wirklichen Kampfgruppen erweitern: zum erstenmal ist hier allein das Schicksal der untergehenden Barbaren vor Augen geführt. Pergamon ist durch das Gallierdenkmal und die anderen Siegesmonumente des Attalos zur führenden Kraft der hellenistischen Kunst aufgestiegen, wie die Siege selbst es zu einem Vorkämpfer griechischer Kultur gemacht haben, der in der ganzen hellenisierten Welt gefeiert wurde. Die Attaliden scheuen später nicht vor einem Vergleich mit dem klassischen Athen zurück. Angesichts der erschütternden Schilderung der untergehenden Barbaren muß man in der Tat an die "Perser" des Aischylos zurückdenken. Nur dort wurde den Besiegten ein ebenso ehrenvolles und heroisches Denkmal gesetzt, wie es hier in der bildenden Kunst geschah. Wolfgang Helbig, |
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