Terrakottasarkophag mit gelagertem Paar
Museum Nazionale Etrusco - Villa Giulia

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Auf einer Kline mit hoher Matratze und darüber gebreiteter Decke liegen Mann und Frau ausgestreckt nebeneinander und stützen den aufgerichteten Oberkörper auf den linken Unterarm. Der Mann, teilweise von der Frau verdeckt, wendet sich zu ihr hin und umfängt sie mit seinem rechten Arm, den er liebevoll auf ihre Schulter legt. Die Frau neigt, an ihn gelehnt, den Kopf ganz leicht nach seiner Seite. Beide sind durch die Verschränkung der Gebärden in einer solchen Weise aufeinander bezogen, daß sich bei dem weitgehenden Verlust der Finger kaum mehr entscheiden läßt, ob es Handlung, Halten oder Darreichen, ob es Redegeste ist, was sie verbindet. Früher dachte man sich in den Händen ein Trink- oder Salbgefäß, eine Blume, Frucht oder ein Ei. Heute wird man dagegen erwägen, ob die Gebärden, subtil wie sie sind, nicht eher als Ausdruck des Gesprächs zu begreifen sind. Die beredte Gebärde von Armen und Händen diente nämlich in archaischer Kunst dazu, ein Gespräch zu schildern. Ähnlich unterhalten sich die Unsterblichen in der Götterversammlung auf dem Ostfries des Siphnier-Schatzhauses, das unserem Denkmal etwa gleichzeitig ist.

Der griechischen Kunst ist unser Meister sehr verpflichtet. Er beherrscht nämlich die Fähigkeit, nicht nur die Zwiesprache von Mann und Frau zu gestalten, sondern auch jeden von beiden in seiner Eigenart zu charakterisieren. Die Frau teilt sich unmittelbar mit; ihr Gesicht erscheint voller. Der Mann wahrt dagegen größere Zurückhaltung; sein Antlitz mit dem gestutzten Wangen- und Kinnbart mutet schmaler an. Sein nackter Oberkörper wirkt breiter, ihr bekleideter daneben zierlicher, der Vergleich drängt sich auf. Ihr Haar fällt nicht nur wie das seine in dichten Strähnen in den Nacken, sondern außerdem noch in sechs einzelnen Flechten über Brust und Schultern herab. Sie trägt den tutulus auf dem Kopf. Er ist hingegen barhäuptig; sein schütteres Haupthaar ist nur über Stirn und Schläfen summarisch angegeben. Er hat den Mantel unterhalb der Brust umgelegt, während sie mit Ärmelchiton, Mantel und mit geschnürten Schnabelschuhen bekleidet ist. Und sie hat ein großes, zusammengefaltetes, er nur ein kleines, einfaches Kissen als Unterlage. Die griechische Art unseres Meisters offenbart sich vollends in dem ionischen Wohllaut seiner Kunstsprache. Seine Geschöpfe haben füllige Körper, gerundete Gliedmaßen, schräggestellte, schlitzförmige Augen, fliehende Profile und ein spitzes Lächeln um Mund und Wangen. Die weichen Stoffe, in die sie gekleidet sind, bilden schematische Falten. Aber in der gelinden Übertreibung all dieser Züge, in ihrer Unterordnung unter ein dekoratives Prinzip und vor allem in der Gleichgültigkeit gegenüber jenen Teilen des menschlichen Körpers, denen unser Meister nur untergeordnete Bedeutung zumaß, gibt er sich als Etrusker zu erkennen. So sind die vom Gewand bedeckten Unterkörper und Beine beider Gestalten gleichsam platt in die Fläche gebreitet und zeugen, wie auch die Rückseiten, von einem Ausmaß an Unbefangenheit gegenüber aller Proportion und organischer Funktion, das beim Vergleich mit griechischen Werken erst voll zum Bewußtsein kommt. Aus derselben Werkstatt, vielleicht sogar von der Hand unseres Meisters, stammt der zweite große Terrakottasarkophag aus Cerveteri, der im Louvre steht. Da seine Bemalung großenteils erhalten ist, kann man ermessen, wie viel großartiger unser Sarkophag ursprünglich im Schmuck seiner Farben erstrahlte. Die Gruppe von Mann und Frau erschien dem Betrachter gewiß noch gegenwärtiger, als es heute, wo nur schwache Reste von den einstigen Farben erhalten sind, der Fall ist.

Über den Zweck des Denkmals kann kein Zweifel bestehen. Es ist eine ins Monumentale gesteigerte Urne mit einem abnehmbaren Deckel. Die Größe des Denkmals ist demnach nicht von seiner Zweckbestimmung, sondern allein von der sozialen Stellung des Beigesetzten abhängig. Unser Sarkophag war ohne Frage einem der Großen von Cerveteri und seiner Ehefrau vorbehalten.

Wolfgang Helbig,
Führer durch die öffentlichen Sammlungen
klassischer Altertümer in Rom

 

 

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