Der Torso vom Belvedere
Vatikanische Museen

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Auf einem Felsblock, über den ein Tierfell gebreitet ist, sitzt die gewaltige Gestalt, von der nur noch der Torso erhalten ist - der Rumpf und die beiden Oberschenkel, von Kopf und Armen die Ansätze. Der Oberkörper beugt sich nach vorn und dreht sich zugleich nach seiner linken Seite, wobei sich die rechte Schulter senkt. Der rechte Oberarm führte dem Ansatz zufolge nach unten, der Ellbogen kann auf dem rechten Oberschenkel gelegen haben, der hier rauh und uneben ist und ein Einlaßloch zeigt. Der linke Oberarm war der Drehung der Rippen zufolge gehoben und abgestreckt, die Hand griff vielleicht über den verlorenen Kopf, in den die Bewegung des Leibes sich sammelte und ausklang: der kräftige Hals ist leicht gebeugt und stark nach seiner linken Seite gedreht. Das rechte Knie stand wenig höher als das linke, der rechte Unterschenkel scheint nach hinten geführt zu haben, und der rechte Fuß trat wohl mit voller Sohle auf. Der linke Unterschenkel war wenig vorgestreckt und um ein Geringes nach außen abgebogen. Über dem linken Oberschenkel liegt der Kopf des Tierfelles, außen am Oberschenkel ist ein länglicher Ansatz mit Bruch erhalten: hier muß ein zur Komposition gehöriger Teil angestoßen haben. Auf der Vorderseite des Felssitzes steht die Inschrift des Künstlers: Apollonios, Sohn des Nestor, aus Athen, hat es gemacht.

Das Werk ist schon von Michelangelo, hoch bewundert worden. Künstler und Archäologen seit der Renaissance haben immer wieder versucht, das unauflösliche Rätsel der Darstellung zu ergründen. Bis zu Winckelmann hin, der ihm die bedeutende Beschreibung gewidmet, war HerakIes sein Rufname, für Winckelmann war es der vergöttlichte Heros selbst, weil man das Fell für ein Löwenfell hielt. Jedoch sprechen das Fehlen der Quaste am Schwanz und des Ansatzes der Mähne am klein gebildeten Kopf entschieden dafür, daß es sich um ein Pantherfell handelt. Damit wird aber die Deutung auf Herakles ausgeschlossen. Einer Deutung auf Marsyas oder Skiron oder Polyphem widersprechen die großartigen Formen der bei aller Gewalthaftigkeit doch vornehmen Natur. Es muß ein Heros dargestellt sein, wie Winckelmann erkannte.

Der Stil des Apollonios ist von großer Virtuosität und herrlicher barocker Kraft. Man merkt, daß bei diesem neuattischen Meister der Mitte des 1. Jhs. die Kenntnis der klassischen Künstler von Phidias bis Lysipp verarbeitet ist. Wenn auch die Muskeln aus dem Leib gleichsam hervorquellen und ihn ihren massig ausladenden Wölbungen eine Kraftgeladenheit mehr vortäuschen als gestalten, so wird doch ein optischer Reichtum in der Plastik wie wir ihn sonst aus der griechischen Kunst kaum kennen. Die Anatomie das Laokoon wirkt dem Torso gegenüber wie mühsam erarbeitet. Im Aufbau der Statue scheint sich Apollonios an ein Vorbild des 3. Jhs. vor Chr. angelehnt zu haben.

Wolfgang Helbig,
Führer durch die öffentlichen Sammlungen
klassischer Altertümer in Rom

 

 

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