| Sogenannte Venus vom
Esquilin
Ein jugendliches, bis auf die Sandalen unbekleidetes Mädchen war damit beschäftigt, das Haar mit einem breiten Band zusammenzubinden. Von der linke Hand, die im Nacken einen dicken Haarschopf faßt, sind noch Reste der Finger erhalten. Zu ihrer Rechten steht auf einem Kästchen eine schlanke Vase, über die sie ihr Gewand abgelegt hat. Der allgemeine statuarische Typus der Aphrodite Anadyomene war seit dem frühen Hellenismus, besonders in Ägypten, sehr beliebt, wenn auch dort keine direkten Parallelen zur vorliegenden Statue bekannt sind. Eine Einzelheit der reich ausgearbeiteten Stütze, die sich um das Gefäß ringelnde Uräusschlange, weist auf die Beziehung zu Ägypten. Im gleichen Sinne hat man auch die rosenartigen Blüten, die merkwürdigerweise an der Seite des Kästchens sichtbar sind, interpretieren wollen. Immerhin ist auch ohne dieses Detail eine Deutung der Statue auf Isis in ihrer Erscheinungsform als Aphrodite das Wahrscheinlichste. Abgesehen von verschiedenen Interpretationen aus dem Bereich der griechischen Mythologie, die heute kaum noch ernstlich zu diskutieren sind, wurde das Werk verschiedentlich als Porträtstatue angesprochen, doch fehlen entsprechende Anhaltspunkte in der Physiognomie. Die ausgeprägt idealen Züge des Gesichts schließen den Gedanken an ein Bildnis überhaupt aus. Bemerkenswert ist der Stil. Der etwas eckige, kaum gelöste Kontrapost ist so wenig ausgewogen, daß man verschiedentlich eine Datierung des Originals in die Mitte des 5. Jhs. vor Chr. erwogen hat. In Wirklichkeit handelt es sich aber um eine klassizistische Umformung des hellenistischen Motivs der Anadyomene in den frühklassischen Stil, wobei durch die Attribute der Stütze ein neuer Gehalt unterlegt wurde. Der Stil des Kopfes spricht dieselbe Sprache; es besteht daher kein Anlaß zu Zweifeln an der Einheitlichkeit dieser Neuschöpfung, die am ehesten dem Umkreis der Pasiteles-Schule des 1. Jhs. vor Chr. zuzuordnen sein dürfte. Stilistische Beziehungen zu alexandrinischen Skulpturen sind jedenfalls nicht feststellbar. Dem kürzlich unternommenen Versuch, mit Hilfe der Stütze eine Datierung in die Mitte des 2. Jhs. nach Chr. zu begründen, widerspricht die Marmorbehandlung, die allenfalls noch eine Entstehung im frühen 1. Jh. nach Chr. möglich erscheinen läßt, Die Wertschätzung des Werkes in der Antike bezeugt ein Torso im Louvre. Wolfgang Helbig, |
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