Verwundete Amazone nach Phidias
Vatikanische Museen

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Die Amazone trägt einen kurzen, gegürteten Reiterchiton, den sie nur auf einer Schulter geknüpft hat. Die andere Seite ist fast bis zur Hüfte entblößt. Sie steht auf ihrem rechten Bein. Das linke hat sie etwas zur Seite gesetzt und ein wenig angehoben, so daß nur die Fußspitze und der Ballen den Boden berühren. Der rechte, weit erhobene Arm, dessen Stumpf antik ist, führte über den Kopf, doch nicht so scharf gewinkelt wie in dieser Ergänzung, sondern in einem großen Bogen und mit nach vorn gekehrtem Handrücken: er hielt nicht den Bogen, wie es hier angedeutet ist, sondern faßte das obere Ende der Lanze, die unten durch die andere Hand lief und neben dem Fuß aufsetzte. Das Bild erinnert an einen Athleten, der mit dem Stab zum Sprung ansetzt, und so ist eine alte Deutung verständlich, nach der die Amazone im Begriff sei, sich auf ihr Pferd zu schwingen. In Wahrheit schleppt sie sich mit einer Wunde, die sie sich in der Schlacht geholt hat, an ihrer Lanze dahin, oder sie stützt oder stemmt sich wenigstens auf die Lanze, wie Lukian sagt. Die Wunde saß am linken Oberschenkel, wo der Chiton hochgezogen und unter den Gürtel gesteckt ist. Von dieser schmerzenden Stelle aus ist die ganze Bewegung erfaßt; der nur schwach auftretende Fuß, die heftige Zusammenziehung der verletzten Seite, die zwischen der ungeschwächten Körperhälfte und der Lanze unter dem sich darüber spannenden Arm gleichsam aufgehängt ist, und der halb gesenkte, hier allerdings nicht zugehörige Kopf. Er ist von einer Kopie der polykletischen Amazone übernommen und mit zu starker Wendung aufgesetzt. Der richtige ist noch heute nicht entdeckt, doch vermutet man, daß der Typus in einem kräftigen Frauenkopf im Thermenmuseum überliefert sei, der noch strenger als der polykletische wirkt.

Das Original der Statue gehörte zu einer Gruppe, die sich in Ephesos befand, wohl als Weihung an die ephesische Artemis, unter deren Schutz die Amazonen standen. Darin liegt vielleicht ein besonderer Grund dafür, daß alle verwundet, schutzbedürftig dargestellt sind. Nach Plinius (nat. hist. 34, 53) ist die Gruppe in einem Künstlerwettstreit zwischen Polyklet, Phidias, Kresilas, Kydon und Phradmon entstanden, und die erhaltenen Amazonenstatuen der Hochklassik lassen sich wirklich auf die genannten Künstler verteilen. Wenigstens gilt das für die ersten drei, deren Schöpfungen am bekanntesten waren und häufig kopiert wurden. Die anderen, über die wir zu wenig wissen, können hier außer acht bleiben.

Die Amazone Mattei, wie diese Kopie noch heute nach ihrem alten Aufbewahrungsort in der Villa Mattei und mit ihr der ganze Typus genannt wird, gehört zu den hochgeschätzten, ihr Meister sicher zu den großen der beteiligten Künstler.

Wolfgang Helbig,
Führer durch die öffentlichen Sammlungen
klassischer Altertümer in Rom

 

 

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