Der Laokoon
Wilhelm Heinse "Ardinghello und die glückseligen Inseln, 1787

Das größte Aufsehen hat der Laokoon gemacht, weil Plinius noch mitten unter allen den höchsten Meisterstücken der Kunst davon meldet, er sei ein Werk, allen andern der Malerei und Bildhauerkunst vorzuziehen und man glauben durfte, diese sei nicht seine eigene Lieblingsmeinung, sondern die Stimme des damaligen römischen Publikums gewesen.

  P1010015 2.jpg (19337 Byte)  

Sonderlinge wollten die Gruppe im Schwindel des Paradoxen, um vielleicht dem Vatikan wehe zu tun, jedoch gar zur bloßen Kopie machen, weil Plinius ferner sagt: die allervortrefflichsten Künstler hätten nach gemeinschaftlich gepflogenem Rate den Laokoon, Kinder und Drachen, alles aus einem Block Marmor verfertigt; und sie bestehen offenbar aus zwei Stücken, sogar Plinius sah vermutlich die Gruppe aus einem niedrigen Standpunkt, und die Fugen waren versteckt, wie sie bei dem rechten Sohne noch sind, wenn man nicht hinsteigt; und es war schon in den alten Zeiten Mode, daß die Aufseher den Ankommenden Märchen wie Religion vorschwatzten, und der Geschichtschreiber Plinius hat in der Eile viel unglaublichre Fabeln sich aufbinden lassen, wenn er bei seiner Lebensart noch nicht recht ausgeschlafen hatte.

Man hat bis jetzt das Lob des Plinius entweder für bloß übertrieben hingesagt gehalten oder die Dichter haben nur den schönen Ausdruck der Vaterliebe in der Gruppe angepriesen, und der große Haufe hat mit seinen Augen überhaupt keinen wahren Endzweck aus der Vorstellung holen können und gedacht: Es ist unglücklich genug für uns, daß Löwen und Schlangen in der Welt sind, warum soll man einen guten Mann mit seinen Kindern noch dazu in Marmor quälen sehen?

Es wär erfreulich, wenn man schon aus der Theorie der Kunst und den bloßen Nachrichten beweisen könnte, daß das Lob des Plinius gerecht sei.

Das Ganze vom Laokoon zeigt einen Menschen, der gestraft wird, und den endlich der Arm göttlicher Gerechtigkeit erreicht hat; er sinkt in die Nacht des Todes unter dem schrecklichen Gerichte, und um seine Lippen herum liegt noch Erkenntnis seiner Sünden. Über dem rechten Auge und dem weggezuckten Blick aus beiden ist der höchste Ausdruck des Schmerzens. Sein ganzer Körper zittert und bebt und brennt schwellend unter dem folternden, tötenden Gifte, das wie ein Quell sich verbreitet.

  P8270043 2.jpg (9756 Byte)  

Seine Gesichtsbildung mit dem schönen, gekräuselten Barte ist völlig griechisch und aus dem täglichen Umgange von einem tiefschauenden Menschen weggefühlt und drückt einen gescheiten Mann aus, der wenig ander Gesetz als seinen Vorteil und sein Vergnügen achtet, und der dazu den besten Stand in der bürgerlichen Gesellschaft gewählt hat, voll Kraft und Stärke des Leibes und der Seele. Die zwei Buben werden mit umgebracht, als Sprossen vom alten Stamme; das ganze Geschlecht von ihm wir vertilgt.

Die Schlangen vollziehen den Befehl des Obern feierlich und naturgroß in ihrer Art, wie Erdbeben die Länder verwüsten. Das Fleisch ist wunderbar lebendig und schön; alle Muskeln gehen aus dem Innern hervor wie Wogen im Meere bei einem Sturm. Er hat ausgeschrien und ist im Begriffe, wieder Atem zu holen. Der rechte Sohn ist hin, der linke wird derweilen festgehalten, und die Drachen werden bald hernach mit ihm vollends kurzen Prozeß machen.

  P1010014 2.jpg (14870 Byte)  

Selbst die Schamteile des Alten richten sich empor von der allgemeinen Anspannung, Hodensack und Glied zusammengezogen, und Hand und Fuß ist im Krampfe. Die linke Seite mag wohl zum Höchsten gehören, was die Kunst je hervorgebracht hat.

Die Söhne haben gerade so viel Ausdruck, als ihnen gebührt. Der eine ist im Sterben wie tot schon, und der andre leidet noch nicht an Gift und Wunde und entsetzt sich bloß. Der Vater zieht alle Aufmerksamkeit auf sich...

Man mochte die Gruppe in den Zeiten, für welche sie bestimmt war, betrachten wie man wollte, so mußte sie die stärkste Wirkung hervorbringen, entweder als Naturtrauerspiel für das ganze menschliche Geschlecht ein Vater, der bei Rettung seiner Kinder umkömmt oder als Strafe der Götter. Und als Kunstwerk könnt ihr kein anders den Rang der ersten Klasse streitig machen. Für uns bleibt sie Naturtrauerspiel, und die Kreatur seufzt dabei im Innern über die notwendigen. Leiden auch des Guten und Gerechten und schaudert in ihr Unvermögen, ihre Unwissenheit zurück.

 
Homepage Startseite