Melpomene
Johann Gottfried Herder, "Italienische Reise" - Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, 1788-1789

 

Melpomene steht auf dem rechten Fuß, dessen Schenkel daher auch etwas vorgehend angedeutet ist, mit einem schönen Leibchen faltig bekleidet, unter der Brust breit gegürtet, eine schöne, spitze, jungfräulich strenge Brust; das Wämschen geht bis unter den Hals.

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Der rechte Arm hält die Maske und liegt auf der etwas vortretenden Hüfte sanft auf; das Oberkleid, über den rechten Arm an der Stelle des Ellbogens geschlagen, hängt herab; der linke Fuß tritt hoch auf Sie ist ganz bekleidet bis zu den Zehen, die Falten biegen sich sehr schön an Wämschen und Kleidung; der linke Arm ruht auf dem erhobnen Bein: sie hält in ihm den tragischen Stab fast vorn am Knoten, so daß der Zeigefinger sanft an ihm umhergeht, und der Stab nicht vor-, sondern längs dem Arm bis aufs Bein zurückgeht; der Kopf ist zur Linken gewandt, vor sich hin, oder eher etwas, aber unmerklich emporsehend. Das Haar unaufgebunden, ein starkes volles Haar, das über die Ohren bis dicht ans Gesicht u. fast zu den Schultern hinabgeht.

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Das Gesicht ist hohe Schönheit, Ernst, Wehmut, ein hoher Unwille u. Schmerz, der sich im Augenknochen, der Nase, dem Munde u. der Biegung des Halses offenbart, so daß in der Kehle ein Seufzer nah zu sein scheint. Diese Stellung sehr erhebend u. rührend. Das eine Ende des Mantels ist über die linke Schulter geschlagen. Das Haupt ist stark mit Efeu bedeckt, so daß zur Linken der Kranz recht dick über dem Haar liegt. Das Kleid auf dem linken Arm bis auf die Mitte des Unterarms ist ohn alle Verzierung, simpel glatt anliegend, das Westchen geht ihr über den Leib bis auf den Anfang der Schenkel. Es ist solche keusche Majestät in ihr, daß man die kühne Stellung, in der sie steht, nicht als unanständig, sondern als hohe Kühnheit betrachtet; der lange Schenkel, die außerordentlich schöne Beugung auf ihn herunter, alles wird vergessen über dem hohen Gesicht u. der großen Miene. 0 Muse, so vornehm, keusch, rein, kühn, erhaben, wäre Dein Bild das ewige Bild in meiner Seele, ihre Gestalt, Form u. das Objekt, in dem sie selbst sich anschaute und ehrte.

 
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