Der Laokoon
"Tempi Passati" von M. B. Lindau, 1890

So habe ich - um gleich von einer der kostbarsten Perlen der vaticanischen Sammlungen zu reden - mir durch die wiederholte Betrachtung der Gruppe des Laokoon einen Genuss bereitet, der immer neu und immer sich steigernd, meine hochgespannten Erwartungen weit überflügelt hat. Ich sage "Genuss" und suche vergebens nach einem anderen und bezeichnenderen Ausdruck für das fast zitternde Nachempfinden und Verstehen der vollendesten künstlerischen Darstellung der höchsten Leibes- und Seelenqualen.

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Man soll, wie Goethe räth, um die Intention des Laokoon recht zu fassen, beim Anschauen der Gruppe die Augen abwechselnd schnell zu schliessen und sogleich wieder zu öffnen suchen, um die täuschende Wirkung zu gewinnen, als wäre der Marmor, dieser fixierte Blitz, diese im Augenblicke des Anrauschens versteinerte Welle, in voller Bewegung. So oft ich jetzt, an die Gruppe denkend, die Augen schliesse, steht das herrliche Werk in vollster Lebendigkeit vor mir, nicht als Marmor, sondern als hätte ich die herrlichen Leiber des Vaters und der Söhne mit ihren vibrierenden und ringenden Muskeln, als Fleisch und Blut im hinsterbenden Kampfe mit den Schlangenungeheuern gesehen. "Die Kunst ist dazu da, dass man sie sehe, nicht dass man von ihr spreche, höchstens in ihrer Gegenwart".

 
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