Kunsturteile
"Tempi Passati" von M. B. Lindau, 1890

 

Ich sass neulich im Café neben zwei Künstlern; der eine, noch ein Jüngling, sprach mit grosser Befriedigung von seiner nahen Abreise und fügte hinzu, dass er nun alles in Rom gesehen hätte.

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Der andere, weit reifer an Jahren, schüttelte den Kopf und erwiderte nachdenklich: "Was heisst in Rom sehen und was heisst alles!" Jenes war der Jüngling, der mit seinem lebhaften Streben schon in das innerste Heiligtum eingedrungen zu sein glaubt, dieses der Mann, der nach langem Umherwandeln erkennt, dass er noch immer in den Vorhöfen sich befinde. Ich selber entnahm mir daraus die Lehre der Genügsamkeit und den Entschluss, von Wenigem das Beste zu suchen und mir nicht den Genuss, den es mir bietet, durch jenes Streben beeinträchtigen zu lassen, das alles gesehen haben will. Es gibt hier zu Vieles, das man sehen muss, weil es zu den Weltberühmtheiten gehört, als dass man so schnell und leicht dazu kommen könnte, Empfindungen und Eindrücken zu huldigen, die frei von jedem Einflusse fremden Urtheils ganz unser eigen sind.

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Oft freilich verweilen wir gefesselt und bewundernd vor diesem und jenem, das wir für weniger bekannt oder anerkannt halten, und glauben in dieser Bewunderung oder Empfindung auf unsrem eignen Boden zu stehen; forschen wir dann näher, so finden wir, dass auch dieses schon nach Gebühr gewürdigt und registriert worden ist, und es bleibt uns nur die Genugthuung, ohne Führer und nach eignem Urtheil etwas gefunden zu haben, das des Findens werth war. Bescheiden kehrt man dann immer wieder in das Geleise zurück, das nur von jener prinzipiellen Selbständigkeit vermieden wird, die lieber falsch fühlt und urtheilt, nur um nicht wie andere fühlen und urtheilen zu müssen, und schliesslich in Missmuth oder Erschöpfung untergeht. Mit der Zeit aber kommt die bessere Selbständigkeit von selbst, denke ich, und je mehr sie uns befriedigt, desto dankbarer werden wir des Gängelbandes gedenken, das unsere ersten Schritte leitete. Freilich ist es schwer, an diesem heiligen Grabe der Kunst, das seit Jahrhunderten tausende von Pilgern herbeizog, eine vergessene geweihte Stätte zu finden.

 
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