Das Kapitol
Hippolyte Taine, "Reise in Italien"


In der Mitte des Platzes steht ein Reiterstandbild Marc Aurels aus Bronze. Die Haltung ist von vollendeter Natürlichkeit. Er macht mit der rechten Hand ein Zeichen: das ist eine kleine Handlung, welche ihn ruhig lässt, seiner ganzen Gestalt aber Leben verleiht.

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Er will zu seinen Soldaten sprechen und gewissllich nur, weil er ihnen etwas wichtiges zu sagen hat. Er prunkt nicht. Er ist nicht ein Stallmeister, wie die unserer modernen Statuen, und auch kein Fürst, welcher repräsentiert und seinem Berufe obliegt. Die Antike ist immer einfach. Er hat keine Steigbügel, denn das ist eine hässliche moderne Erfindung, ein Gerät, welches der Freiheit der Glieder schadet, ein Werk desselben industriellen Geistes, der die Flanellwesten und die beweglichen Überschuhe erfunden hat. Sein Pferd ist fest und stark und noch verwandt mit den Pferden des Parthenons. Heute nach achtzehnhundert Jahren Kultur haben sich beide Rassen, Mensch und Pferd, verfeinert, sie haben ein vornehmes Aussehen erlangt.

 

Der Saal des sterbenden Fechters

Der Saal des sterbenden Fechters. Das ist eine realistische und keine ideale Bildsäule, aber die Schönheit des Körpers ist dennoch gross, weil diese Art Menschen ihr Leben damit verbrachten, nackt zu turnen.

Neben ihr sieht man einen wunderbaren Antinous, eine grosse bekleidete Juno, den Satyr des Praxiteles und eine Amazone aufgereiht, die ihren Bogen erhebt. Jene Menschen stellten sich den Menschen ganz natürlich nackt vor, und wir stellen ihn uns ebenso natürlich bekleidet vor.

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Sie fanden in ihrer eigenen persönlichen Erfahrung die Vorstellung eines Rumpfes, einer vollen Brust, welche sich wie die des Antinous dehnt, und die Blähung der Rippenmuskel in einer sich neigenden Flanke, den leichten Übergang der Hüfte und des Schenkels eines jungen Leibes, wie ihn dieser sich beugende Faun zeigt, kurz, sie hatten zweihundert Gedanken über jede Form und jede Bewegung des Nackten. Wir haben nur welche über den Schnitt eines Rockes und über den Ausdruck eines Gesichtes. Die Kunst bedarf dauernder Erfahrung und täglicher Beobachtung, daraus entspringt der öffentliche Geschmack, kurz: Die Kunst ist der Abriss des Lebens.

 

Der Apoxyomenos

Der Apoxyomenos hat eben gelaufen und trägt in seiner Hand eine Nummer, an der man erkennt, dass er als Fünfter angekommen ist, und lässt sich mit der Striegel reiben. Der Kopf ist klein, und seine Intelligenz übersteigt nicht die körperliche Übung , die er soeben ausgeführt.

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Dieser Ruhm und diese Beschäftigung genügten ihm. In der Tat erschienen die gymnastischen Triumphe in den schönsten Zeiten Griechenlands so wichtig, dass viele junge Männer sich jahrelang bei Lehrern und nach einem besonderen Plan darauf vorbereiteten, wie man heute Rennpferde durch den Trainer vorbereiten lässt. Er hat einen etwas müden Ausdruck und kratzt sich mit der Striegel den klebenden Schweiss und Staub von seiner Haut. Man verzeihe mir dieses Wort, er reinigt sich.
Der Körper dieses Ringers ist vollkommen schön und fast wirklich, denn er ist weder ein Gott noch ein Held, darum ist auch der kleine Zeh verdorben, der Unterarm ziemlich mager und der Abfall der Lenden sehr stark, aber die Beine, vor allem das rechte, von hinten gesehene, haben die Schnell- und Schwungkraft eines Windhundes. Vor einer derartigen Statue fühlt man ganz deutlich den Unterschied, welcher die antike Zivilisation von der unseren scheidet.

 

Diana oder die moderne Frau als Käfer

Nichts von alledem ist ohne das antike Gewand möglich. Man betrachte: Diana Endymion anblickend. Ihr Gewand fällt bis auf die Füsse herab, ausserdem trägt sie ein zweites, gewöhnliches Überkleid, aber der Fuss ist bloss. So bald der Fuss beschuht ist, wie der der hübschen Mädchen, welche hier mit einem Führer in der Hand herumgehen, sieht man den natürlichen Körper nicht mehr, sondern eine künstliche Maschine. Das, was man gewahrt, ist nicht mehr ein Menschenwesen, sondern ein gegliederter Panzer, der vortrefflich gegen die Unbilden des Wetters schützt und angenehm ausstaffiert ist, um in einem Zimmer zu glänzen.

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Die Frau ist durch die Kultur und die moderne Tracht eine Art Käfer geworden: in der Taille eingeschnürt, starr in einem schillernden Mieder, auf harte lackierte Stelzen gestellt und mit Anhängseln und flimmernden Hüllen beladen; die Bänder, die Hüte und die Krinoline haben die Bewegung und das Schillern der Fühlhörner und des doppelten Flügelpaares. Sehr oft beschränkt sich die Gestalt auf die Augen und auf den Ausdruck, der ganze Körper hat die kribbelnde Beweglichkeit einer Hummel, der beste Teil der Schönheit besteht in der nervösen Lebendigkeit, vor allem in der koketten Anordnung der bunten Hülle und in dem umständlichen, schmuckbesetzten Apparat, der rings herum rauscht. - Hier zeigt der nackte Fuss im Gegenteil sofort, dass die lange Tunika nur ein belangloser Schleier ist. Der Gürtel ist ein schlichter, mit dem ersten besten Knoten unter dem Busen geknoteter Strick, die beiden Brüste heben den Stoff, die auf der Schulter befestigte Tunika ist an dieser Stelle nicht breiter als zwei Finger, so dass man fühlt, wie die Schulter sich in dem Arm fortsetzt, welcher voll und stark ist und jenen beiden fadendünnen Stengeln nicht gleicht, welche heute an den beiden Seiten eines Korsetts herabhängen. Sobald es ein Korsett gibt, gibt es keinen natürlichen Körper mehr. Diese Kleidung dagegen lässt sich in einem Augenblick an- und ablegen, sie ist nur ein Stück Linnen, das man genommen und sich damit umhüllt hat.

 
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