| Der Apollo von Belvedere Johann Joachim Winckelmann
Die Statue des Apollo ist das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Alterthums, welche der Zerstörung derselben entgangen sind. Der Künstler derselben hat dieses Werk gänzlich auf das Ideal gebauet, und er hat nur eben so viel von der Materie dazu genommen, als nöthig war, seine Absicht auszuführen und sichtbar zu machen. Über die Menschheit erhaben ist sein Gewächs, und sein Stand zeuget von der ihn erfüllenden Größe. Ein ewiger Frühling, wie in dem glücklichen Elysien, bekleidet die reizende Männlichkeit vollkommener Jahre mit gefälliger Jugend, und spielet mit sanften Zärtlichkeiten auf dem stolzen Gebäude seiner Glieder. Hier ist nichts Sterbliches, noch was die Menschliche Dürftigkeit erfordert. Keine Adern noch Sehnen erhitzen und regen diesen Körper, sondern ein Himmlischer Geist, der sich wie ein sanfter Strohm ergossen, hat gleichsam die ganze Umschreibung dieser Figur erfüllet.
Ich vergesse alles andere über dem
Anblicke dieses Wunderwerks der Kunst, und ich nehme selbst einen erhabenen Stand an, um
mit Würdigkeit anzuschauen. Mit Verehrung scheint sich meine Brust zu erweitern und zu
erheben, wie diejenige, die ich wie vom Geiste der Weissagung aufgeschwellet sehe, und ich
fühle mich weggerückt nach Delos und in die Lycischen Hayne, Orte, welche Apollo mit
seiner Gegenwart beehrte: denn mein Bild scheint Leben und Bewegung zu bekommen, wie des
Pygmalions Schönheit. Wie ist es möglich, es zu malen und zu beschreiben. |
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