Antinous
Marguerite Yourcenar "Ich zähmte die Wölfin", 1951


Sein Gesicht hat mich sehr beschäftigt. Seit er in mein Leben trat, wurde mir die Kunst aus einer Zierde zum Mittel und zur Hilfe. Es gibt von diesem Jüngling mehr Bildnisse als von irgendeinem berühmten Manne oder von irgendwelcher Königin; ich habe sein Bild der Welt aufgezwungen. Erst sorgte ich dafür, daß der Stein die wechselnde Schönheit einer sich wandelnden Form aufnahm. Dann wurde die Kunst zur magischen Verrichtung, die ein verlorenes Antlitz beschwören mußte.

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Die Größe der Standbilder dünkte mich geeignet, den Maßstab auszudrücken, in dem die Liebe siegt. Ich wollte sie überlebensgroß, wie ein Gesicht, dem man ganz nah ist, hoch und feierlich, wie Erscheinungen aus der Geisterwelt, schwer und drückend, wie die Erinnerung, die mir blieb. Ich bestand auf reinster Vollendung, vollkommendster Form, ich verlangte den jungen Gott, als der ein mit zwanzig Jahren Verstorbener in der liebenden Erinnerung weiterlebt, aber ich verlangte auch die größte Ähnlichkeit, den vertrauten Anblick und jegliche Unregelmäßigkeit in einem Antlitz, das mir teurer war als die Schönheit. Was für Erörterungen kostete es, um die buschige Dichte einer Augenbraue, die ein wenig verquollene Rundung einer Lippe festzuhalten. Ich sorgte dafür, daß der Marmor täglich mit einer Lösung aus Öl und Säuren gesalbt wurde, bis er den glänzenden, weichen Fleischton jungen Lebens annahm. Von überallher trug ich die Züge des einzigen Gesichtes zusammen, ich verschmolz die Götter und die Geschlechter, die herbe Diana der Wälder mit dem schwermütigen Bacchus, den athletischen Hermes der Palästren mit dem müden Gott, der, den Kopf auf den Arm gestützt, auf einer Streu von Blumen schlafen ging. Ich erkannte, wie sehr ein junger Mann der männlichen Athene zu ähneln vermag, wenn er nachsinnt.

In schlaflosen Nächten durchstreifte ich die Gänge der Villa, irrte von Saal zu Saal, blieb vor einer Statue des Toten stehen; in jedem Raum, in jedem Säulengang war eine. Ich schützte die Flamme der Lampe mit der Hand und strich leise mit dem Finger über die steinerne Brust. Aber die tastende Suche erleichterte dem Gedächtnis seine Aufgabe nicht. Ich wollte das Weiß des Marmors nicht sehen, schob es im Geiste beiseite, als sei es ein Vorhang, hinter dem ich, so gut es ging, zur lebendigen Form zurückzufinden suchte, vom starren Stein zum Fleisch. Verzagt ging ich weiter. Die befragte Statue sank in die Nacht zurück, und meine Lampe erhellte nach wenigen Schritten eine neue. Doch schwiegen mir die großen Standbilder, sie glichen Gespenstern. Voll Bitterkeit gedachte ich der magischen Striche, mit denen die ägyptischen Priester die Seele des Toten in die hölzernen Puppen gebannt hatten, deren sie sich für ihren Kult bedienten. Ich war ihrem Beispiel gefolgt, hatte Steine verzaubert, die mich ihrerseits verzauberten. Nie würde ich von diesem Schweigen, dieser Kälte loskommen, die mich fortan näher anging als alle Wärme, alle Worte des Lebenden. Zornig betrachtete ich dies gefährliche Antlitz und sein flüchtiges Lächeln.

Nach ein paar Stunden aber, in meinem Bett, beschloß ich, bei Pappas von Aphrodisias eine neue Statue zu bestellen. Eine genauere Wiedergabe der Wangen, da, wo sie sich unmerklich unterhalb der Schläfen höhlen, mußte erzielt werden, eine sanftere Neigung des Halses, statt der Kränze aus Weinlaub oder Edelsteinen sollte die Fülle der Locken ungebändigt wallen. Ich vergaß nicht, die Büsten und Reliefs aushöhlen zu lassen, um ihr Gewicht zu mindern. Die ähnlichsten haben mich überallhin begleitet; ob sie schön sind oder nicht, kümmert mich nicht mehr.

 
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