| Fanny Lewald,
wieder in Rom 1880 Von S. Clemente gingen wir die Strecke Weges nach dem Lateran, die herrliche Aussicht vor dem Platze zu genießen; vom Lateranplatze nach S. Maria Maggiore hinab. Wenn man zur Zeit Gregors des XVI. des Weges ging, als noch keine Eisenbahnen das Land durchzogen, als die Campagna Rom noch abtrennte von der ganzen übrigen Welt, daß es wie ein Wunder und ein Geheimniß dalag, Wunder und Geheimnisse in sich verbergend so wie heute noch, war es hier immer einsam und still gewesen. Ueber die Mauern der Villen oder Klöster hingen aus dem dunklen Grün im Herbste wie im Frühling die Goldorangen und die Vögel sangen in den Zweigen. Wo dann die Mauern aufhörten, blickte man wie von dem Lateransplatze weit hinaus in Freie. Man sah die Bogen der antiken Wasserleitungen sich hinziehen bis zu den Albaner Bergen, mit dessen weit hin winkenden und leuchtenden Städten: und welche Weltanschauung man auch in sich hegen mochte, es kam in jener Stille die Empfindung über einen, die man in früher Jugend gelehrt wird als den Frieden Gottes, als einen himmlischen Frieden zu bezeichnen.
Auch vor vierzehn Jahren war es noch nicht anders dort, und selbst vor drei Jahren war es noch still genug zwischen der alten Metropolitankirche und der ältesten Marienkirche von Rom. Jetzt jedoch ist das vorbei. Ein großes Stadtviertel ist entstanden zwischen den beiden Kirchen. Wo sonst Einsamkeit und Schweigen walteten, rühren sich Hunderte und Hunderte von arbeitenden Händen, tönt der Meißelschlag vom Steine, schallt das Lachen, Rufen, Schreien rauher römischer Männerkehlen an unser Ohr, und überall ist der Boden für neue Bauten noch weiter aufgerissen. Wir hatten wirklich Noth, zwischen den Aufgrabungen unsern Weg zu suchen und bis zu der Kirche zu kommen, vor der sich Fuhrwerk fand. Vorgestern, als ich über den spanischen Platz ging, von Freunden begleitet, die sich ebenso zum Aufbruch rüsten, trafen wir einen der ersten Maler Deutschlands, der mit Frau und Kindern wieder einmal den Winter hier verlebt, und nur wie wir andern auch, Rom verläßt, um in seine glücklichen deutschen Lebensverhältnisse zurückzukehren. Ein neuerbautes eigenes Landhaus, in dem die Frühlingsblüthe zum erstenmal genossen werden soll, erwartet ihn. Ich fragte, wie es ihm ergehe? Wie er sich befinde? Mit der guten Laune, die ihm nicht leicht fehlt, rieb er sich die Brust, als ob er Schmerz empfände, und sagte mit sauersüßem Lächeln: so wie Einem, der hier fort muß und nicht weiß, ob und wann er wiederkommt. Wir lachten Alle, aber Alle dachten wir dasselbe, Alle fühlten wir wie er den dämonisch bannenden Zauber, den diese Stadt um unsere Seelen schlingt, trotz manchem, was wir an ihr anders haben möchten und was uns an ihr nicht gefallen kann. Rom gegenüber empfindet man mehr oder weniger etwas von jener blinden Liebe, die selbst das Unzuträgliche freudig in Kauf nimmt um des Schönen, Großen, Erhabenen willen, das es jedem auf seine Weise bietet. Der Abschied von den Freunden ist gekommen. Die meisten sind vor uns davongegangen. Drüben in dem Klostergebäude, das zu San Giuseppe Capo le Case gehört, liegen die armenischen Geistlichen am Fenster und sehen mit den klugen, von meist schwarzen, feinen Bärten umrahmten Köpfen auf die Straße hinaus. Einer von ihnen rühmt sich, Byron noch gekannt und mit ihm manches Lied gelesen zu haben in Venedig. Der Bildertrödler drüben hängt seine Kupferstiche nach den Landschaften von Claude Lorrain und Poussin, seine Madonna di Foligno, seine Ansichten der hiesigen Ruinen an der langen Mauer des ehemaligen Klosters auf.
Der Mamorarbeiter, der seinen kleinen Laden zwischen dem Barbier und dem Gemüsehändler hat, kramt seine Bruchstücke von alten Köpfchen und Händen, seine geschliffenen Mamorstückchen, seine kleinen Säulen und Obelisken aus. Er grüßt herüber, denn wir waren seine Kunden. Auch der alte Straßenkehrer grüßt, der mein guter Freund geworden, seit ich einmal eine Menge von Papierschnitzeln zum Fenster hinaus geworfen und gelacht habe, als er mir zornig mit seinem Besen gedroht. In vielen Häusern sind die Jalousieen geschlossen, die Fremden sind fort, die Tafeln mit dem Angebot von Wohnungen hängen wieder an den Thüren und unter den Fenstern. Es ist stiller geworden in den Straßen. Langsam zieht der Hirt mit seiner großen Ziegenherde, die hier vor den Hausthüren gemolken wird, von der unteren Stadt die Höhe hinauf. Die Kutscher von dem Halteplatz winken mit ihren Peitschen. Sie halten im Schatten der Klostermauer, über die Platanen und Cypressen glänzend im Lichte des nicht ganz hellen Himmels. ENDE |
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