| Felix Mendelssohn Bartholdy, Komponist Rom 1830 Denkt Euch ein kleines zweifenstriges Haus, am spanischen Platz No. 5, das den ganzen Tag die warme Sonne hat, und die Zimmer im ersten Stock darin, wo ein guter Wiener Flügel steht; auf den Tische liegen einige Portraits von Palestrina Allegri u. mit ihren Partituren; ein lateinisches Psalmbuch, um daraus "non nobis" zu componiren - daselbst residire ich nun.
Am Kapitol war mir es zu weit, und ich fürchte vor Allem die kalte Luft, von der ich hier freilich nichts zu besorgen habe, wenn ich des Morgens aus dem Fenster über den Platz sehe, und sich alles so scharf im Sonnenschein vom blauen Himmel abhebt. Der Wirth ist ehemals Capitain unter den Franzosen gewesen; das Mädchen hat die herrlichste Contraaltstimme, die ich kenne; über mir wohnt ein Königl. Preuß. Hauptmann, mit dem ich zusammen politisire - kurz das Lokal ist gut. Wenn ich Morgens früh nur ins Zimmer komme, und die Sonne so hell auf das Frühstück scheint, da wird mir gleich unendlich behaglich zu Sinn; denn es ist doch eigentlich Spätherbst, und wer kann da noch Wärme, heitern Himmel, oder Trauben und Blumen bei uns beanspruchen? Nach dem Frühstück geht es ans Arbeiten, und da spiele und singe und componire ich denn bis gegen Mittag. Dann liegt mir das ganze unermeßliche Rom wie eine Aufgabe zum Genießen vor; ich gehe dabei sehr langsam zu Werke, und wähle mir täglich etwas Andres, Weltgeschichtliches aus. Gestern war seit mehreren Tagen wieder zum erstenmale ganz heiteres Wetter; nachdem ich denn also des Morgens ein Stück am Salomon gearbeitet hatte, ging ich auf den Monte Pincio, und spazierte da den ganzen Tag auf und ab. Es ist ein unglaublicher Eindruck, den diese Luft, diese Heiterkeit macht.
Da geht dann die ganze Welt hin und her, und genießt des Frühlings im December. Man trifft alle Augenblicke Bekannte, schlendert mit ihnen ein Stück, verläßt sie, bleibt allein, und kann gut träumen. Von den schönsten Gesichtern wimmelt es; - wie die Sonne rückt, so verändert sich die ganze Landschaft, und alle Farben; - kommt das Ave Maria, so geht es in die Kirche von Trinità de Monti; da singen die französischen Nonnen, und es ist wunderlieblich.
Ich werde, bei Gott, ganz tolerant, und höre schlechte
Musik mit Erbauung an, aber was ist zu thun? die Composition ist lächerlich; das
Orgelspiel noch toller; aber nun ists Dämmerung, und die ganze, kleine, bunte
Kirche voll knieender Menschen, die von der untersinkenden Sonne beschienen werden, sobald
die Thüre einmal aufgeht; die beiden singenden Nonnen haben die süßesten Stimmen der
Welt, ordentlich rührend zart; und namentlich wenn die eine mit ihrem sanften Tone das
Responsorium singt, was man gewohnt ist von den Priestern so rauh und streng, und
einförmig zu hören, da wird Einem ganz wunderlich. Nun weiß man doch dazu, daß man die
Sängerinnen nicht zu sehen bekommen darf; - da habe ich denn einen sonderbaren Entschluß
gefaßt: ich componire ihnen etwas für ihre Stimmen, die ich mir recht genau gemerkt
habe, und schicke es ihnen zu, wozu mir mehrere Wege zu Gebote stehen. Singen werden sie
es dann, das weiß ich; und das wird nun hübsch sein, wenn ich mein Stück von Leuten,
die ich nie gesehen habe, anhören werde, und wenn sie es wieder dem barbaro Tedesco, den
sie auch nicht kennen, vorsingen müssen. |
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