
"Die Grabstätte der Protestanten in
Rom neben der herrlichen Pyramide des alten Römers Cestius,
ist einer der schönsten Plätze in der Gegend, die der Stadt am nächsten liegt.
Der unter der Marmorpyramide einst ruhende Römer würde diesen Ort mit dem Eingang in
Elysium verglichen haben;
so groß, feierlich und einladend ist er. Es ist ein Anger, an der Stadtseite
von der hohen,
mit Epheu und anderen wilden Ranken dicht behangenen Stadtmauer begrenzt,
deren hier und da eingefallne Thürme und Zinnen malerische Partien formieren,
zwischen welchen die Pyramide eines Römers aus den blühendsten Zeiten des Alterthums
empor steigt.
Stolz und üppig bis zu einer Höhe von hundert und dreizehn Fuß aufgeführt,
bezeichnet ihre Form feste, der Verwüstung von Jahrtausenden trotzende Dauer.
Ihr Marmor ist von der Zeit schwarz gefärbt;
ein malerisches Gewand von Epheu und Moos umgibt sie, doch ohne den Koloß ganz zu
bedecken.
Auf der anderen Seite des Platzes öffnet sich ein lichter Eichenwald. Weit umher
zerstreut stehen die alten Eichen,
berühren mit den untersten herabgebogenen Zweigen die Erde, breiten mit üppigem
Wuchs ihre Kronen weit aus,
und lassen dem Blick hier und da Zwischenräume einer lächelnden Aussicht gegen die
Wiesen.
Es ist eine Wohnung des Friedens und der Ruh, wo nichts die herrschende Stille
stört,
wenn die letzten Strahlen der untergehenden Sonne hier die Spitze der Pyramide,
und dort den Gipfel des Eichenhaines hoch röthen, und den feierlichen Anblick des
Ortes erhöhen.
Dies ist der Begräbnisplatz der Ketzer, die, so lange sie leben, in Rom
geduldet, und selbst geachtet,
nach ihrem Tod aber hinaus gebannt werden aus den Mauern der Residenz des sichtbaren
Oberhauptes der Gläubigen,
um dort in ungeweiheter Erde neben dem Grabmal eines Heiden zu modern.
Bei nächtlicher Stille, und ohne Geräusch
werden die Leichen hierher gebracht.
Die Särge, welche man sonst in Rom offen trägt, müssen verschlossen sein. Den Freunden
des Verstorbenen ist es erlaubt,
von einer Sbirrenwache begleitet, in Kutschen, und mit einigen Fackeln, der Leiche zu
folgen.
Der Antiquar, Herr Rath Reifenstein, dieser wichtige und unterrichtende Freund der sich an
ihn wendenden Künstler und Kunstliebhaber, hält am Grab eine Leichenrede. Die
Erzählungen von einer bis zu Gewaltthätigkeiten
steigenden Zudringlichkeit der katholischen Geistlichen in den Versuchen,
protestantische Kranke zu bekehren, sind größtenteils erdichtet;
auch hört man den Ausruf des römischen Pöbels: "all fiume, all fiume!"
(in den Fluß mit ihm!) bei dem nächtlichen Leichenzug der Protestanten niemals
mehr."
So beschreibt der Hamburger Domherr Friedrich Johann Lorenz Meyer in seinem Buch "Darstellungen aus Italien" 1792 den Friedhof der Protestanten in Rom an der Cestius Pyramide, der richtigerweise heißen muß Friedhof der Nicht-Katholiken, denn hier haben Menschen vieler Glaubensrichtungen, Nationen und Sprachen ihre letzte Ruhe gefunden. |
Lassen Sie uns einen kleinen Spaziergang machen, um zu sehen, wie wir diesen Ort heute vorfinden. Wir gehen entlang der Via Caio Cestio, auf der rechten Seite erhebt sich, teilweise grün bewachsen, von einem Kreuz bekrönt, der Monte Testaccio, der Scherbenberg, eine antike Müllhalde von zerbrochenen Einweg-Amphoren, die am nahen Tiberhafen entladen wurden. Auf der linken Seite begleitet uns die Umfassungsmauer des Friedhofes, deren vergitterte runde Öffnungen manchen Blick auf ein Gräberfeld und eine weiß aufleuchtende Pyramide zulassen. Versetzen wir uns in die Zeit Anfang des 18. Jahrhunderts, spazieren wir in einer der abgelegensten Gegenden Roms, mitten in den Wiesen des römischen Volkes (Prati del Popolo Romano). Wir sehen keine Friedhofsmauer und keine Grabsteine. Wenn wir Glück haben, hören wir auch nicht den rollenden Geschützdonner der in diese Einsamkeit verlegten Compagnia dei Bombardieri di Castel S. Angelo, und sicher hätten wir auch kein Vergnügen gefunden an den rohen Karnevalsspielen, bei denen Ochsen und Schweine den Monte Testaccio herabgejagt wurden, bevor die Karnevalisten dann den Corso bevölkerten, von dem Goethe uns eine so lebendige Beschreibung gibt. Ein vorbeibrausender Lastwagen stößt uns in die Gegenwart zurück. Wir stehen vor dem Eingangstor des Friedhofes, über dem in großen Buchstaben ein Wort zu lesen ist: RESURRECTURIS (Denen, die auferstehen werden). Eine kleine Glocke will geläutet werden, schon hören wir lauter werdende Schritte auf einem Kiesweg, welche uns baldigen Einlaß erwarten lassen.
Der brausende Verkehr der nahen Via Ostiense verstummt fast ganz, wir sehen einen anmutigen Landschaftsgarten mit verstreut liegenden Gräbern, im Hintergrund erhebt sich die Pyramide des Cestius in ihrer Erhabenheit, malerisch eingebettet in die Aurelianische Stadtmauer. Hier kann uns die ungeheure Dimension
geschichtlicher Zeiten bewußt werden. |
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