Was hat diese Pyramide alles geschaut!

Errichtet wurde sie im Jahre 16 vor Chr., in 330 Tagen als Mausoleum für den Praetor Caius Cestius. Den Aurelianischen Schutzwall gab es noch nicht, hier befand sich ein antikes Gräberfeld, und die Pyramide war sicherlich das imposanteste Grabmal. Kaiser Augustus verwirklichte zu dieser Zeit seinen Traum von einer marmornen Stadt, und Rom war der Mittelpunkt der Welt. Sie sah die Anfänge des Christentums, die Apostel Petrus und Paulus betraten im Angesicht der Pyramide über die nahe Via Ostiensis die Stadt, sie erlebte den Brand Roms unter dem feuereifernden Nero, den Bau der Rom umfassenden Aurelianischen Schutzmauer, um die immer öfter drohenden Barbaren-Einfälle abwehren zu können, die Manifestation des Christentums durch Konstantin den Großen, den Untergang des römischen Reiches, die kurze Zeit des Wiederauflebens unter der Herrschaft der Goten, kleine Glanzpunkte durch die Einkehr der deutschen Kaiser im sonst verlassenen, verheerten Rom des Mittelalters. Erst die Renaissance brachte wieder Licht in das fast untergegangene Rom.

Auch unsere Pyramide wird wieder beachtet, so von Raffael, der diese Form eines Ketzer-Grabmales in einem christlichen Grabmonument in der Chigi-Kapelle in S. M. del Popolo wieder aufleben läßt. Etwas mehr als hundert Jahre später werden im Schatten der großen Pyramide die ersten Protestanten beigesetzt, doch gibt kein Grabstein hiervon Zeugnis.

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Die Parte Antica, rechts hinten der Säulenstumpf, das Grab eines der Söhne Humboldts, im Vordergrund links das Grab Carstens.

.Die Stadt wächst, Kunst und Künstler mehren sich, die Antike wird Vorbild. Die lange vernachlässigte Pyramide erfährt ihre erste Restauration. Das Gebiet um den Monte Testaccio, bisher eine völlig verlassene Einöde, erlebt einen Aufschwung durch Maulbeerbaumplantagen, Einrichtung von Grotten im Monte Testaccio zur kühlen Lagerung von Wein und Lebensmitteln und die Nutzung der Prati de Popolo Romano als gemeinsames Weideland. So wurde allmählich dieses abgelegene Randgebiet in den römischen Stadtbereich mit einbezogen und Teil des historischen Panoramas von Rom.

Als ein erstes konkretes Zeugnis für diese Gräberstätte kann Nollys 1748 gezeichneter Romplan gelten, der einen "Ort, wo man die Protestanten beerdigt" bei der Pyramide bezeichnet. Auf Piranesis fast gleichzeitig radierten Ansichten der Pyramide sind (noch) keine Grabsteine zu erkennen.

Durch den Fund eines metallenen Sargschildes läßt sich der 1738 gestorbene Oxford-Student Langton als einer der ersten hier Bestatteten nachweisen. Das erste heute noch vorhandene Grabmal gehört dem am 27.5.1765 verstorbenen Hofangestellten Georg Anton Friedrich Baron von Werpup aus Hannover.

Wir befinden uns mitten in der Zeit der "Grand Tour", der großen Bildungsreise durch Europa, die der Erweiterung der eigenen Wahrnehmung und des Kunstverständnisses diente und vorzugsweise nach Italien führte. Diesen meist höfischen Reisenden der "Grand Tour" folgten bald Maler und Dichter ins Land ihrer Sehnsucht, und manche von ihnen fanden auf der Suche nach Arcadien ihr Grab im Schatten der Pyramide.

Der preußische Gesandte Wilhelm von Humboldt erreichte als erster eine Rechtsgarantie von römischer Seite, ihm wurde für seine im frühen Alter verstorbenen Söhne das Privileg einer Familiengrabstätte gewährt. Er durfte für sie Grabmonumente errichten und dafür sogar einige Bäume fällen. Die zwei abgestumpften, kurzen Marmorsäulen bewahren ihr Andenken.

Durch die nahen Weinschenken am Monte Testaccio, in denen oft laute Fröhlichkeit herrschte und ländliche, manchmal rohe Vergnügungen an der Tagesordnung waren, die auch vor einer Schändung der Gräberstätte nicht haltmachten, wurde es notwendig, den immer größer werdenden Friedhof zu schützen.

Durch den Preußischen Ministerresidenten Niebuhr wurde 1817 eine Eingabe bei dem päpstlichen Staatssekretär Consalvi für eine Einfriedung der Gräber gemacht, deren Ausführung sich aber noch lange hinziehen sollte. Inzwischen erforderte die große Anzahl der Bestattungen auch eine Erweiterung des Friedhofes. Ab 1824 gab es einen alten und einen neuen Teil, und auch die Einfriedung wurde endlich möglich; später wurden die Bestattungen im antiken Teil eingestellt.

Die Veränderungen des geeinten Italiens mit Rom als Hauptstadt brachten leider für den kleinen abgelegenen Friedhof enorme Schwierigkeiten, so hätte beinahe der alte Teil einer Durchfahrtstraße weichen müssen. Dies konnte durch nachdrückliche Verhandlungen auf höchster diplomatischer Ebene von England und Deutschland verhindert werden. Erst am 17.8.1910 konnte ein Vertrag geschlossen werden. Erst von diesem Moment kann von einer Parte Antica und Parte Nuovo gesprochen werden, wobei der alte Teil als historisches Monument behandelt wurde. Aber auch nach diesem Vertrag hatte der Friedhof noch unruhige Zeiten vor sich. So machte sich zum Beispiel eine Bürgerbewegung für die Abschaffung des gesamten Friedhofes stark.

Wenn wir uns, immer noch auf der Bank sitzend, bewußt werden, daß wir soeben 2000 Jahre der Geschichte dieses Ortes, mal schnell, mal verweilend durchschritten haben, so wird uns, im Anblick dieser Vergänglichkeit, dieser Gräberlandschaft der "Alten" und der "Jungen", dieser pastoralen Szenerie, des Gefühls zu "sein" mit einer Landschaft, vielleicht ein Hauch von "Arcadien" begegnen.

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