Karl Philipp Moritz

Ein Spaziergang durch einsame Gegenden

 

Rom, den 24. März 1786

Vor ein paar Tagen machte ich einen Spaziergang längst dem Ufer der Tiber hin, jenseits des Aventinischen Berges. Ich fand ein großes Vergnügen daran, mich in der öden und einsamen Gegend zu verlieren, die ich zum erstenmale betrat, und wo mir die Gegenstände noch neu und unbekannt waren; als ich mich auf einmal auf dem ersten Kirchhofe der Welt befand, der durch die Pyramide des Cestius, eines der ehrwürdigsten Denkmäler aus dem Altertum, bezeichnet wird, bei welchem die Ketzer noch innerhalb der Mauren von Rom eine ehrenvolle Grabstätte finden.

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Nichts kann überraschender sein, als der Anblick dieser Pyramide, welche das Grabmal eines römischen Konsuls bezeichnet, und um sie her die niedrigen Leichensteine der Protestanten, welche hier begraben liegen. Ich las die alte Inschrift auf der Pyramide, welche tief in das zweite Jahrtausend steht, und dann die Inschriften auf den Leichensteinen der protestantischen Fremdlinge, welche hier ihr Grab fanden.

Maulbeerbäume beschatten die grüne Ebene, welche dies Monument umgibt, und auch den sonderbaren Berg einschließt, der seinen Namen, Monte Testaccio, von den Scherben führt, durch deren Anhäufung er entstanden, und bis zu einer beträchtlichen Höhe erwachsen ist. Diese Gegend, welche jetzt still und einsam war, wird im Sommer von den Römern häufig besucht, welche in den kühlen Grotten unter dem Monte Testaccio Erfrischungen genießen, und auf diesen grünen Ebenen lustwandeln, die daher auch die Wiesen des römischen Volkes heißen.

Die alte Stadtmauer, die schwarzgraue Pyramide, und der von Schutt und Scherben aufgehäufte Berg, machen mit der grünen von Bäumen beschatteten Ebne den reizendsten Kontrast. Die Schönheit der umgebenden Natur scheint hier der düstern Melancholie selber ein Lächeln abzuzwingen; und wenn nun hier zugleich Gesang und Freude herrscht, so kann es nicht leicht einen Platz in der Welt geben, wo die Extremen sonderbarer aneinander grenzen. Zwei von den Inschriften an den Leichensteinen waren englisch und eine deutsch. Einige kleine Grabhügel waren ohne Leichenstein. Ein mit einer hohen Mauer umgebenes klösterliches Gebäude, war das einzige Haus, was man in dieser Gegend sahe.

Ich konnte mich von diesem Platze, zu welchem mich der Zufall geführt hatte, lange nicht wieder losreißen, und hing mit Wohlgefallen der süßen Schwermut nach, welche der erste Anblick dieser Gegenstände erweckte, die sich wahrlich nicht leicht an einem Orte der Welt so zusammen finden. Noch oft wird nun in Zukunft diese Pyramide des Cestius das Ziel meiner Wanderungen sein, so wie sie es im ganz eigentlichen Sinne für diejenigen unserer Glaubensgenossen ist, die hier ihrer Grabstätte entgegen sehen.

 

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